Örtliche Ereignisse

Die 1200 Jahresfeier in Riestedt

Es sind nun schon ĂŒber dreißig Jahre her, da feierte man hier in Riestedt ein Fest, an das sich viele Einwohner sicher gern erinnern, weil es ein Ereignis war, dass von allen BĂŒrgern gestaltet und  mitgetragen wurde, vom JĂŒngsten bis zum Opa. Jeder hatte sich in irgend einer Form daran beteiligt und eingebracht und so war es zu einem echten, großen und schönen Volksfest geworden. Man hatte festgestellt, dass in einer (leider nicht  bestĂ€tigten) Schenkungsurkunde, Kaiser Karl des Großen, aus dem  Jahre 777(2) der Name „Ritstaedi“ auftauchte und dieser historische Tatbestand musste natĂŒrlich, 1200 Jahre spĂ€ter, in wĂŒrdiger Form und mit dem entsprechenden  geschichtlichen Hintergrund begangen werden. So wurden denn  Bilder von den UrsprĂŒngen Riestedt`s, wie die vor 2000 Jahren stattgefundene EisenverhĂŒttung, den Mönchen des Klosters Kaltenborn, der langjĂ€hrigen Herrschaft des Adels ĂŒber den Ort Riestedt, der Riestedter Bauernschaft, dem immer im Ort  vorhandenen Kriegsvolk, dem RĂ€uberhauptmann Balthasar Hake mit seiner  Truppe, den Kaufleuten, HĂ€ndlern, KurgĂ€ste usw., gezeigt. Aber auch Bilder aus der neueren Geschichte, wie die sozialistische Landwirtschaft, die Schule, Pioniere, FDJler, Sportler, Kulturgruppen usw., usf.- summa, summarum ein  lebendiges, buntes Bild vom Leben in unserem Heimatdorf. Einige Momentaufnahmen sollen an dieses schöne  Ereignis erinnern, unter anderen auch deshalb, weil es  gegenwĂ€rtig aufgrund von beabsichtigen StrukturverĂ€nderungen fragwĂŒrdig erscheint, ob die Voraussetzungen fĂŒr eine neuerliche Wiederholung einer solchen Jahresfeier in Zukunft fĂŒr den Ort Riestedt noch einmal gegeben sind. So kann es durchaus sein, dass das damalige Ereignis, das die  GemĂŒter der Riestedter so positiv bewegte und noch heute bei vielen BĂŒrgern gute, schöne und persönliche Erinnerungen hervorruft, das letzte seiner Art gewesen sein kann.

Die 1200 Jahresfeier geht auf eine leider gefĂ€lschte Urkunde zurĂŒck, in der Karl der Große, Anno 777(2) der Abtei Hersfeld die Kapelle “Ritstaedi” im Friesenfelde des Hassegau samt allen Zehnten  geschenkt haben soll. Funde aus der jĂŒngeren Steinzeit, der Bronzezeit und der Eisenzeit deuten auf eine frĂŒhe Besiedlung hin.

Schon in der Latenezeit 5.-1. Jahrhundert v.Chr. wurde  Eisenerz abgebaut und verhĂŒttet. In den oberen Lagen des Buntsandsteins, der in den umgebenden Höhenlagen anzutreffen ist, befindet sich das Ausgangsmaterial  fĂŒr die VerhĂŒttung, der Brauneisenstein.

1118 wurde das Kloster Kaltenborn bei Riestedt durch den  Grafen Wichmann gestiftet und war 320 Jahre mit Augustiner Chorherren besetzt. 1525 zerstörten aufstĂ€ndische Bauern Teile des Klosters aus Protest gegen ihre  miserablen Lebensbedingungen und die WillkĂŒr sowie die enormen Landnahmen des  Klosters

Die Not der Bauern wurde immer grĂ¶ĂŸer und Anfang Mai 1525 verstĂ€rkten sich die Unruhen zusehends. Dr. Martin Luther wurde nach Wallhausen, einen benachbarten Ort gerufen, um die Lage zu entspannen, konnte aber die Stimmung der Bauern nach gewaltsamer Auseinandersetzung nicht  dĂ€mpfen.

Am 15. Mai 1525 eskalierte die Situation. Unter FĂŒhrung Thomas MĂŒnzer fand die letzte große Bauernschlacht Mitteldeutschlands in  Frankenhausen statt. An die 100 Riestedter Bauern nahmen daran teil. Es heißt dazu: “€die AnfĂŒhrer der Riestedter sind tot geblieben, auch sonst bei 28 erschlagen worden”€. Auch nach der Schlacht musste der Ort noch viele Opfer bringen.

Als Zubehör zum Amte Sangerhausen kam Riestedt 1110 an  die Landgrafschaft ThĂŒringen. SpĂ€ter aber an das Haus Wettin, also zu   Sachsen, wo es bis 1815 blieb. Herzog Johann Adolph und andere sĂ€chsische Herzöge privilegierten den Ort Riestedt mit besonderen Rechten (z.B. dem Braurecht), wodurch es auch den Beinamen “Kuchendorf” erhielt.

In Riestedt kreuzten sich zwei wichtige Handelsstraßen, die Salzstrasse von NĂŒrnberg nach Magdeburg und die Messestrasse von Franfurt/Main nach Leipzig. Deshalb waren HĂ€ndler und Fuhrleute in Riestedt oft zu Gast und suchten fĂŒr sich und ihre Pferde einen sicheren und stĂ€rkenden Ausspann.

Als Fuhrwerke wurden weniger vierrĂ€drige Wagen genommen, als vielmehr mit zwei großen RĂ€dern ausgerĂŒstete schwere Karren. Davon abgeleitet wurden auch die Fuhrleute mit ihren bunten Hemden als KĂ€rrner  bezeichnet. Den teilweise mit HolzstĂ€mmen befestigten Fuhrweg von Sangerhausen  nach Riestedt nannte man deshalb auch den KĂ€rrner Weg.

Obwohl die KĂ€rrner als Zugpferde starke und schwere Tiere besaßen, waren sie doch oft auf Hilfe angewiesen, besonders wenn es den steilen Stich, die so genannte Klopfgasse hinaufging. Riestedter Bauern mussten dann Vorspann leisten und sicher war das auch eine Möglichkeit fĂŒr eine zusĂ€tzliche Geldeinnahme

Wen wunderts, dass bei diesem geschĂ€ftigen Treiben auch Spitzbuben und RĂ€uber ihr Unwesen trieben. Einer der berĂŒhmt - berĂŒchtigsten war  der RĂ€uberhauptmann “Balthasar Hake”. Über ihn berichten wir auf der  Homepageseite “Sagen, Sitten und GebrĂ€uche”

Kaum ein Jahrhundert verging, in dem nicht militĂ€rische Einheiten in Riestedt anzutreffen waren. Besonders schlimm wurde der Ort wĂ€hrend  des 30jĂ€hrigen Krieges vom Kriegsvolk heimgesucht. Riestedt war zeitweise Garnison und besaß fĂŒr die Ausbildung eine eigene Reitbahn.  Zum Schutz war der Ort teilweise durch Lehmmauern befestigt.

Zum ersten Mal hören wir vom Kohlebergbau in Riestedt im  Jahre 1708. Zuerst wurde er von 12  Mann betrieben. 1837 ĂŒbernahm die Mansfelder Gewerkschaft den Abbau. 1894 wurde der Betrieb wegen Absatzproblemen  eingestellt. FĂŒr Riestedt ein großer Verlust, viele BĂŒrger verloren dadurch ihren Lebensunterhalt. Die Einwohnerzahl ging daraufhin schlagartig  zurĂŒck.

Eine eisenhaltige Quelle mit guten Werten an Spurenelementen erweckte die Hoffnung, Riestedt zu einem Kurort  zu machen.   Erste AnsĂ€tze dazu waren  bereits gemacht. Konzerte, Kutschfahrten und TheaterauffĂŒhrungen fanden statt.  Leider versiegte die Quelle auf Grund der bergbaulichen AktivitĂ€ten und damit die Hoffnung, den Ortsnamen mit einem “Bad” zu zieren.

Winfried MĂŒller

         Die Öffnung des Kirchturmknopfs und die                          Herabnahme der alten Kirchenglocken    

 

Das Wahr glockezeichen von  Riestedt, unsere alte St. Wigberti Kirche, war ohne “Kopf“. Exakter gesagt, es fehlten ab dem 31. August 2001 der Turmknopf und die Wetterfahne auf der Kirchturmspitze. FĂŒr das Warum gab es mehrere Ursachen. Einmal mussten die altersschwachen Kirchenglocken, um Baufreiheit zu schaffen, aus  SicherheitsgrĂŒnden aus dem Turm genommen werden und zum anderen bedurfte das Turmdach selbst einer dringenden Sanierung. So wurden denn mit Hilfe eines großen Autokranes die drei Glocken mit ihren schönen Namen “Liebe“, “Glaube“ und  “Hoffnung“ aus der 28 m hohen Kirchturmspitze geholt und sicher auf die Erde gebracht. Nun stehen sie, nachdem sie ĂŒber 78 Jahre bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen und andere kirchlichen Ereignissen mit ihrem  Klang Freud und Leid verkĂŒndet hatten, friedlich vereint auf dem  Kirchhof. Bei genauerem Hinschauen sieht man ihnen an, dass der Zahn der Zeit stark an ihrem Gusskörper genagt hat und die Gefahr des Zerspringen beim Anschlagen der schweren Klöppel bestand. Der damalige BĂŒrgermeister, Herr Gerhard Franke, hat bei der Abnahme zum Besten gegeben, dass er  sich als Junge beim GlockenlĂ€uten immer am Seil mit Alte GLhochziehen ließ. Ob  er dabei die Glocken mit ramponiert hat, ist nicht  feststellbar, jedenfalls hat er vorsichtshalber im Auftrag der  Gemeinde 10.000 DM der Kirche fĂŒr Reparaturzwecke ĂŒberbracht, was große  Freude und Dankbarkeit auslöste. Übrigens, die grĂ¶ĂŸte Glocke, die “Liebe“, wog ĂŒber 1,6 Tonnen und die kleinste, die “Hoffnung“, 600 kg. Nun wurde es  still und keine Glocken erinnerte mehr, dass eine Hochzeit stattfindet oder ein Mensch zu Grabe getragen wird. Es sei denn, eine finanzielle UnterstĂŒtzung der Riestedter BĂŒrger zur Neuanschaffung eines GelĂ€utes wĂŒrde diese Situation Ă€ndern. Am 31. August 2001 wurde dann auch noch die Wetterfahne und der Turmknopf unter Anwesenheit der langjĂ€hrigen Riestedter  Pastorin Frau Hoyer, des PrĂ€dikanten Herrn Körnig, der  Kirchenratsmitglieder, der Gemeindevertreter, der Presse, Mitgliedern  des Geschichtsvereines und interessierter BĂŒrger, vom Turm geholt.   Die 72 Jahre alten Gussglocken     Unter den Blicken aller wurde der Inhalt aus dem Kugelknopf,  zwei Plastkartuschen, entnommen. Die  Kartuschen wurden geöffnet und es kamen Schriftdokumente  aus verschiedenen Riestedter Zeitepochen, GeldstĂŒcke und eine Zeitung zum Vorschein. Die Zeitung “Die Freiheit“ aus der  DDR-Zeit, datiert vom 1. April des Jahres 1977, informierte auf der Titelseite, wie damals ĂŒblich, ĂŒber die ErfĂŒllung des  Volkswirtschaftsplanes. Das Ă€lteste Dokument aus dem Jahre 1551 wurde von Frau Pastorin Hoyer aus der grĂ¶ĂŸeren Kartusche herausgeholt und stolz prĂ€sentiert. Nun war es doch  sicher verstĂ€ndlich, dass die Anwesenden wissen wollten, was denn eigentlich in dieser Urkunde stand und Frau Hoyer hat also in Kenntnis der alten Schrift aus dem SchriftstĂŒck vorgelesen und eine uns heute zwar verstĂ€ndliche aber doch etwas fremd klingende Leseprobe zu Gehör gebracht. FĂŒr die Mitglieder des Riestedter Geschichtsvereins ergab sich daraus postwendend die Frage, warum sollten denn eigentlich nur die Anwesenden vom Inhalt dieses und der anderen Dokumente erfahren und nicht alle BĂŒrger, die Interesse an der Geschichte der  Riestedter Kirche haben? Und es entstand folgende Idee: Aufgrund der heutigen, technischen Möglichkeiten  mĂŒsste es doch möglich sein, allen interessierten BĂŒrgern die Ablichtungen und auch die dazu notwendigen, in lateinischer  Schrift abgefassten Übersetzungen dieser Originaldokumente zur VerfĂŒgung zu stellen. Und da das EinverstĂ€ndnis der kirchlichen Seite  fĂŒr dieses Vorhaben gegeben wurde, war der Weg frei fĂŒr die Anfertigung des nunmehr vorliegenden Heftes mit den historischen Dokumenten durch den Riestedter Geschichtsverein. Der Erlös aus dem Verkauf dieses Sonderheftes und  einer Sammelaktion und weitere Spenden aus Nah und Fern wurden der  Riestedter Kirche zur Neuanschaffung von Glocken ĂŒbergeben. So wurden sukzessive Voraussetzungen geschaffen, dass am 11. Mai 2002 neue Glocken gegossen werden konnten.

Winfried MĂŒller

Abguss der neuen Bronze - Glocken in der Gießerei Lauchhammer.

                         Abguss der neuen Bronzeglocken in der Gießerei Lauchhammer

Das Ereignis fand natĂŒrlich unter reger Anteilnahme von interessierten BĂŒrgern  aus Riestedt, aber auch benachbarter Orte statt. Unter dem Zunftspruch: “Gott hilf, wir gießen!”, wurden die beiden ersten Formen mit der flĂŒssigen Bronze gefĂŒllt. Noch immer ist, wie in alten Zeiten, der Glockenguss mit einer gewissen UnwĂ€gbarkeit behaftet und um so grĂ¶ĂŸer war die  Freude, als das Ergebnis hinsichtlich Aussehen und Klang so schön  gelungen war, wie bei den Riestedter Glocken.

 Die neuen Bronzeglocken .

NatĂŒrlich erhielten die neuen Bronzeglocken wieder die sinnreichen Namen ihrer VorgĂ€nger und wenn Sie sich vom  Klang der neuen Riestedter Glocken eine Vorstellung machen wollen, so                                                   klicken sie jeweils auf das entsprechende Glöckchen.

    “  Hoffnung ”

    “ Glaube ”

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   “ Liebe “

“ Liebe, Glaube und Hoffnung ”

sinonatal18

Die Tonaufnahmen der Glocken wurden freundlicher Weise von Frau Rensch aus Riestedt zur VerfĂŒgung gestellt.

Ein Riestedter Heiratskuppler

(etwas zum Schmunzeln, Namen wurden geÀndert)

 Geehrtes Frl. Pauline Meyer

Da ich endlich fĂŒr Sie recht passendes gefunden habe, wo Sie eine Frau Schulzen werden können,  da dieser Herr Ökonom Schulze ist, und noch Junggesell auch ist von etliche 40 Jahre, großer hĂŒbscher  Mann, war Gardist und besitzt 50 Morgen schuldenfrei, sein Land und Gut. RĂŒben und Weizenboden, so werden Sie diesen Werth alleine wissen, Preis wie in Holdenstedt ca 500 Thaler pro Morgen. Also dieser Herr ist ein sehr gemĂŒthlicher Herr  und geachteter Ehrenmann. Sollten Sie geneigt sein hierzu, so wĂ€re dies gewiß zu Ihrem GlĂŒcke, welches Sie mir zu verdanken haben. Er steht jetzo ganz allein da, mit 1 Knecht und einer Magd. Er will eine  Frau, die in die Wirthschaft  passt, und in seinem Alter (also keine Staatspuppe). Nun bitte  ich Sie mir sofort Nachricht zu geben, ob Sie diesen Vorschlag annehmen wollen, und wann ich mit dem Herrn Schulzen kommen kann, oder ob Sie wollen am Bahnhof kommen, oder bis Eisleben und welchen Sonntag, oder Tag, wobei ich zugegen bin. Hoffentlich werden Sie mir Glauben schenken, dass dies auf Wahrheit  beruht, und sich schnell entschließen. Sonach Ihrer RĂŒckantwort entgegen sehend zeichnet

Riestedt den 28.12.1897

Achtungsvoll H.R. Lehmann

GeschÀfts und Versicherungsagent

Hier Riestedt Anger 157  frĂŒher Zeitungsagent

PS.

Das genannte FrĂ€ulein Alwine Meyer ist in Holdenstedt geboren am 30.4.1851. Sie verstarb dort ganz alleinstehend am  17.2.1916 als eben dieses FrĂ€ulein Alwine Meyer. Sie hat nicht geheiratet. Nach mĂŒndlicher Überlieferung war sie 9 Jahre mit ihrem  Schulkameraden Gustav Knobel verlobt. Dieser  war etwa 5 Tage jĂŒnger als Sie. Er hat dann um 1890 eine andere Frau geheiratet und mit ihr 3 Töchter gehabt. Frl. Alwine lebte allein  mit ihrem Vater zusammen bis zu seinem Tod am 1.12.1897. Die Mutter war schon 7.12.1868 mit 44 Jahren  verstorben.

 

Unwetterserie in Riestedt im Jahre 2011

Es war am Mittwoch den 24. August 2011, ein schöner Sommertag neigte sich seinem Ende, als am spĂ€ten Abend am nordwestlichen Himmel drohende, dunkle Gewitterwolken aufzogen. Nichts Böses ahnend, schlummerten einige Riestedter BĂŒrger schon sorglos dem nĂ€chsten Tag entgegen, auch noch, als die dunklen Wolken unter Blitz und Donner ihren ersten Regen abgaben. Es schien so, als ob es sich um ein ganz normales Sommergewitter handele. Aber plötzlich passierte es, der Himmel öffnete seine Schleusen und wahre SturzbĂ€che, teilweise mit EisstĂŒckchen versetzt, prasselte mit ungeahnter Gewalt auf die DĂ€cher, GĂ€rten und FlurstĂŒcke von Riestedt nieder (nach spĂ€teren SchĂ€tzungen sollen es ĂŒber 25 - 50 Mill. Liter Wasser gewesen sein, 40 - 50 l/mÂČ). Noch ahnte niemand, was sich aus diesem halbstĂŒndigen Inferno ergeben wĂŒrde. Doch dann hörte man es rauschen, zuerst leise, dann immer lauter und stĂ€rker, es wĂ€lzte sich ein breiter Fluss, eine dicke, braune LehmbrĂŒhe mit Stroh versetzt, durch Teile des Ortes. Die Kanalisation konnte diese immensen Schlammmassen nicht fassen und das mitgeschleppte Stroh begĂŒnstigte zusĂ€tzlich das Versagen der Abflussleitungen. So suchten sich diese immensen Schlammwassermassen ihren eigenen, vernichtenden Weg. 15 GrundstĂŒcke werden davon betroffen, 20 Keller laufen voll, Wohnungen, Garagen und GĂ€rten stehen unter Schlamm, Straßen sind unter einer 30 cm starken Lehmschicht verschwunden. Autos, technische Einrichtungen, Maschinen und HaushaltsgerĂ€te werden beschĂ€digt und zerstört. Ein 60 Hektar großes Feld am Nordhang von Riestedt, das gerade abgeerntet war, drohte durch den Starkregen abzurutschen. Noch in der gleichen Nacht begannen die Anwohner mit AufrĂ€umungsarbeiten. SpĂ€ter sind an den AufrĂ€umungs- und Sicherungsarbeiten 140 Feuerwehrleute, 120 Angehörige der Bundeswehr, Beamte der Bereitschaftspolizei, Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks und freiwillige Helfer tĂ€tig. Das Makabere an diesem Ereignis ist, dass sich die Katastrophe mit fast gleichem Szenario noch 2mal in Riestedt wiederholte (am Sonntag den 4.9. und am Sonntagabend den 11. September). Der Landrat ruft den Katastrophenalarm aus, der Bau eines großen RĂŒckhaltedammes zum Schutz vor den Wasser- und Schlammassen wird forciert. Die Einwohner von Riestedt sind durch die Gewalt und GrĂ¶ĂŸe des Ereignisses schockiert, abgesehen von den materiellen, nicht geringen Schaden der unmittelbar Betroffenen, liegen bei vielen Riestedtern die Nerven blank. Sie sind verzweifelt und entmutigt. Einige schimpfen und fluchen, andere weinen und versuchen so die Ereignisse zu verarbeiten, aber alle erwarten, dass richtige und baldige Maßnahmen ergriffen werden, damit eine solche Katastrophe in Zukunft nie wieder auftreten kann. Bei all den seelischen und körperlichen Belastungen, die auf die Menschen in diesen dramatischen Stunden  im wahrsten Sinne des Wortes niederprasselten, zeigte sich aber auch, und das ist bislang das Erfreulichste an der dramatischen Geschichte, in Riestedt sind in solch einer extremen und angespannten Situation der Gemeinschaftssinn und die Nachbarschaftshilfe keine leeren Begriffe, sondern  praktizierte TĂ€tigkeiten.

Winfried MĂŒller

Riestedt, im November 2011