Der Gesundbrunnen

Der Riestedter Gesundbrunnen

Die Entdeckung und die chemische „Wunderquelle“

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts geriet die stark eisenhaltige Mineralquelle in den Fokus der Aufmerksamkeit. Im Jahr 1814 erhob der damalige Sangerhäuser Gerichts-Amtmann, Hofrath Eisenhut, die Quelle offiziell zu einem Heilbad, nachdem dort spektakuläre „Wunderkuren“ beobachtet worden waren. Um den medizinischen Nutzen wissenschaftlich zu untermauern, sparte die Gemeinde keine Kosten: Sie zahlte dem renommierten Erfurter Chemie-Professor Johann Bartholomäus Trommsdorff (in den dörflichen Akten Tromsdorf geschrieben) die beachtliche Summe von 50 Thalern für ein Gutachten vor Ort sowie weitere 24 Thaler für Logis und Beköstigung. Trommsdorffs Analyse bescheinigte dem Wasser außergewöhnliche Qualitäten. Es enthielt pro 16 Pfund unter anderem: • 14 bis 16 Grain kohlenstoffsaures Eisen • 176 Kubik-Zoll kohlenstoffsaure Gase • Signifikante Mengen an Glaubersalz (schwefelsaures Natrium), Kochsalz und Talkerde. In zeitgenössischen Lexika wurde stolz vermerkt, dass der Riestedter Gesundbrunnen namhaften Heilbädern wie Bad Bibra oder Bad Lauchstädt „nicht nachstehe“.

Der Ausbau zum Badeort und das „Brunnenschlösschen“

Nachdem der Kurbetrieb anfangs nur schleppend angelaufen war, investierte die Gemeinde massiv in die Infrastruktur, um betuchte Gäste anzulocken. Zwischen 1814 und 1815 wurde ein repräsentatives Badehaus errichtet und feierlich eingeweiht. Zur Verschönerung des Kurviertels und der Spaziergänge wurde eine Allee angelegt: 1815 pflanzte die Kommune eine prächtige Lindenreihe, die vom Badehaus hinter dem Dorf entlang bis zum Zindeltor führte. Im Jahr 1829 wurde direkt vor dem Badehaus eine markante Solitär-Linde gesetzt. Um den Brunnen herum wurden Bänke aufgestellt, Wege planiert und der Brunnen vom Maurermeister Becker neu in Kalk gefasst. Die jährliche Pacht des Badehauses brachte dem Dorf zeitweise stolze 150 Thaler ein.

Intrigen und Niedergang: Das verwaiste Bad

Trotz des vielversprechenden Starts hielt die Blütezeit nicht lange an. Als die Region 1815 preußisch wurde, verließ der Gründer Hofrath Eisenhut Sangerhausen und zog zurück nach Sachsen – das Bad verlor seinen leidenschaftlichen Direktor und war fortan „verwaist“. Der endgültige politische Todesstoß kam von oben: Der neue preußische Landrat, Dragoner-Hauptmann Krug von Nidda, erwies sich als erbitterter Gegner des Riestedter Bades. Er zog das konkurrierende Salzbad in Bad Frankenhausen vor und versuchte das Riestedter Projekt auf jede erdenkliche Weise zu unterdrücken, woraufhin der Kurbetrieb rapide darniederlag.

Das bittere Ende und der große „Wasser-Krieg“ von 1856

Das endgültige physische Aus für den Gesundbrunnen besiegelte der Braunkohlenbergbau. Als die Mansfeldische Gewerkschaft ab 1838 den großen Entwässerungsstollen am Kollerberge vortrieb, um das Grundwasser für den Tiefbau abzusenken, geschah das Unvermeidliche: Die Bergleute schnitten die unterirdische Ader an – die berühmte Gesundbrunnen-Quelle versiegte vollständig. Damit verlor nicht nur das Bad seine Existenz, sondern auch ein großer Teil der Riestedter Einwohner ihr lebensnotwendiges Wasser. Es kam zum erbitterten Rechtsstreit. Während die Gemeinde eine erste Klage gegen die mächtige Gewerkschaft verlor, gab ein mutiger Einwohner namens Gottfried Selmar nicht auf. Er protestierte und zog unabhängig in einen Prozess, den er im Jahr 1856 sensationell gewann. Die Gewerkschaft wurde gerichtlich dazu verurteilt, auf eigene Kosten Ersatz zu schaffen. Sie musste eine Quelle im nördlich gelegenen Baumgarten fassen, einen neuen Wasserbehälter errichten und eine kilometerlange Leitung aus gebrannten Tonröhren unter der Kirschbaumallee hindurch bis an mehrere Stellen im Ort verlegen.

Was blieb?

Obwohl der medizinische Kurbetrieb nie wiederbelebt wurde, blieb der Ort ein beliebtes Ausflugsziel. Das einstige herrschaftliche Badehaus wurde zu einer bekannten Ausflugsgaststätte und Restauration („Brunnenschlösschen“) umgewandelt. Noch heute erinnert die Lokalität an jene Zeit, als man in Riestedt hoffte, mit eisenhaltigem Wasser im Konzert der großen deutschen Heilbäder mitzuspielen.

Brunnenschlösschen