Das Militär in Riestedt

Das Militär in Riestedt

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648)

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) und die Pest waren in der Region um Sangerhausen und insbesondere im Dorf Riestedt auf tragische Weise untrennbar miteinander verknüpft. Die verheerende Epidemie war kein isoliertes Naturereignis, sondern eine direkte Folge der kriegerischen Bedingungen. Die dörflichen Chroniken und die Aufzeichnungen des Sangerhäuser Chronisten Samuel Müller verdeutlichen diesen fatalen Zusammenhang anhand konkreter Ereignisse im Raum Riestedt:

Das Katastrophenjahr 1626: Truppenbewegungen als Seuchenbeschleuniger

Der eigentliche Krieg erreichte die Region im Jahr 1625, als der kaiserliche Feldherr Tilly mit seinen Truppenverbänden auf dem Marsch gegen den niedersächsischen Kreis direkt durch Sangerhausen zog. • Die Einschleppung: Armeen des 17. Jahrhunderts waren die Hauptüberträger von Krankheiten. Soldaten lebten unter katastrophalen hygienischen Bedingungen, lagerten auf engstem Raum und schleppten Flöhe und Läuse von Ort zu Ort. • Das Massensterben: Nur wenige Monate nach den ersten großen Truppendurchzügen brach 1626 die Pest mit voller Wucht aus. In Sangerhausen forderte sie 1.323 Opfer. Im damals etwa 900 Einwohner zählenden Riestedt raffte die Seuche 327 Menschen dahin – weit über ein Drittel der gesamten Dorfbevölkerung. Unter den Toten befand sich auch der amtierende Dorfpfarrer Valentin Peinling.

Hunger, Vertreibung und die psychologische Sage vom „Pimpernell“

Ein weiterer treibender Faktor für die Ausbreitung der Pest war der kriegsbedingte Hunger. Truppen plünderten die Vorräte – so raubten beispielsweise brandenburgische Reiter 1630 den Riestedtern die Pferde aus den Ställen und blockierten Proviantwagen. Die unterernährte Bevölkerung hatte den Erregern immunologisch nichts mehr entgegenzusetzen. • Aus dieser psychologischen Not und der Ohnmacht gegenüber der Seuche entstand eine bis heute überlieferte Sage aus dem Nachbarort Grillenberg. Da dieser Ort wie durch ein Wunder von der Pest verschont blieb, glaubten die Menschen an göttliche Fügung. Man erzählte sich im Dorf, eine Stimme vom Himmel habe den Einwohnern zugerufen: „Esst Pimpernell, so sterbt ihr nicht so schnell!“ (die Bibernelle, ein lokales Kraut). Dies führte dazu, dass die Pflanze in der gesamten Sangerhäuser Pflege massenhaft als vermeintliches Wundermittel gegen die Kriegspest gesammelt wurde.

Das “Nachbeben” der Pest nach dem schwedischen Schreckensjahr

Selbst als der Westfälische Friede näher rückte, flammte die Pest immer wieder im Gefolge der Soldaten auf. Als die Schweden 1832 Riestedt besetzten, das Vieh stahlen und infolge kaiserlicher Gegenangriffe Schule, Pfarre und weite Teile des Dorfes niederbrannten, kollabierte die dörfliche Ordnung vollständig. Viele Einwohner flohen hinter die rettenden Mauern von Sangerhausen. • Noch im Oktober und November 1639 – dem Jahr, in dem der neue Pastor Johannes Christner sein Amt antrat und mühsam begann, die in den Kriegswirren verlorenen Kirchenbücher neu anzulegen – verzeichneten die Register ein erneutes Aufflammen der Pest im Dorf. Allein in diesen zwei Monaten starben über 18 Personen in Riestedt, darunter auch zwei Söhne der Witwe des 1626 verstorbenen Pest-Pastors Peinling, die noch immer unter den elenden Bedingungen der „Landesverwüstung“ im Ort ausharrte.

Der Große Kurfürst und das Hauptquartier (1674)

Im Krieg gegen Frankreich führte der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm im August 1674 seine Armee zum Rhein. Da die Stadt Sangerhausen bereits durch sächsische Truppen erschöpft war, wurde auf Befehl des Feldmarschalls Derfflinger das Hauptquartier der kurfürstlichen Armee nach Riestedt verlegt. Vom 17. bis 20. August 1674 musste das Dorf immense Mengen an Proviant und Fourage für die Truppenmassen aufbringen.

Die schwedische Invasion / „Schwedenzeit“ (1706–1707)

Während des Großen Nordischen Krieges besetzte der schwedische König Karl XII. Sachsen. Vom 15. Oktober bis 31. Dezember 1706 bezog das schwedische Leibregiment zu Pferde (die Kompanien der Rittmeister Reutterstirn und Baron Axel de Kruus sowie des Cornets Baron de Wrede) sein Winterquartier in Riestedt. Die Bauern mussten über 120 schwedische Pferde verpflegen, was die Gemeinde finanziell ruinierte.

Die Landmiliz (1714–1716)

Ab 1711 wurden zur Landesverteidigung Landmilizregimenter eingerichtet. Die Kirchenbücher belegen, dass um 1714 bis 1716 ein Truppenteil der kursächsischen Landmiliz unter dem Kommando eines Sergeanten namens Johann Nikolaus Kögel fest im Dorf lag.

Riestedt als feste sächsische Garnison (1720–1784)

Im 18. Jahrhundert wurde Riestedt zu einem regelrechten Garnisonsort der sächsischen Armee. Die Soldaten lebten direkt bei den Einwohnern (Einquartierung), und im Ort gab es eine eigene Reitbahn vor dem sogenannten „Schlage“. • 1720–1738: Eine komplette Kompanie des von Unruhischen Dragonerregimentes (u. a. unter den Hauptleuten Otte und Franke) war fest im Dorf stationiert. • 1738–1746: Das Kürassierregiment des Grafen von Zitthau (unter der Kompanie des Majors von Löser) übernahm die Garnison. • 1764–1770: Die hochrangige Karabiner-Kompanie des Benkendorfschen Kürassierregimentes (unter Rittmeister von Bülow und Major von Breitenbauch) war in Riestedt stationiert, bevor sie 1770 zur Garde du Corps nach Dresden versetzt wurde. • 1770–1777: Eine reguläre Kompanie des Benkendorfschen Kürassierregimentes blieb weiterhin im Ort. • 1780–1784: Eine Dragoner-Kompanie des Goldackerschen Dragonerregimentes lag als letzte feste Garnison in Riestedt.

Der Siebenjährige Krieg (1756–1763)

In dieser Zeit kam es zu ständigen, extrem drückenden Einquartierungen und Durchmärschen ausländischer Armeen: • 1757 & 1759: Massenhafte Versorgungspflichten für die königliche preußische Armee, kaiserliche Truppen unter General von Luzinsky (August 1759) sowie ein preußisches Exekutionskommando unter Rittmeister von Kalckreuth (Januar 1759). • 1760: Einquartierung von Einheiten des Wunschischen Frei-Bataillons. • 1761–1762: Durchmärsche und tagelange Aufenthalte von Abteilungen der königlich französischen Truppen (unter anderem ein Cornet des Sambreville-Korps mit 40 Mann).

Die napoleonischen Befreiungskriege (1806–1814)

Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt wurde die Region von französischen Truppen überschwemmt. Im Zuge der verordneten Neutralität Sachsens im Dezember 1806 rückten französische Einheiten in Riestedt ein, für die das Dorf enorme Kontributionszahlungen und Lebensmittellieferungen leisten musste. Bis 1814 blieb die Region ein von Truppendurchzügen (darunter auch preußische und russische Verbände) schwer gezeichnetes Etappengebiet.